Geheimnisse der Eckentaler Wanderwege
Der Hirnstein

Der Hirnstein bei Oberschöllenbach ist ein Ruhestein, den Pfarrer Hirn am Rande des Kirchenwegs errichten ließ.
  • Der Hirnstein bei Oberschöllenbach ist ein Ruhestein, den Pfarrer Hirn am Rande des Kirchenwegs errichten ließ.
  • Foto: Peter Bajus
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Wer mit offenen Augen die Eckentaler Wanderwege erwandert, wird herrliche Aussichten finden, aber auch viele „unscheinbare Dinge“, an denen man eher achtlos vorbeiläuft. In einer losen Serie stellt Peter Bajus einige dieser Orte vor und erzählt von deren Geheimnissen.

Pfarrer Hirn besucht einen Kranken

Wir schreiben das Jahr 1686, genauer gesagt, Freitag den 14. Juni 1686. Ein heißer Sommertag. Pfarrer Johann David Hirn, zu jener Zeit Pfarrer zu Beerbach, ist auf dem Weg nach Unterschöllenbach zu Johann Krunner. Johann Krunner – auch „Stofflesbauer“ genannt – ist ein gläubiger Christ, der regelmäßig den Sonntagsgottesdienst in der Beerbacher Kirche besucht. Er wohnt in Unterschöllenbach in Haus Nr. 3 und ist schwer erkrankt. Er ließ  nach dem Pfarrer rufen, damit dieser ihm die Beichte abnehme und ihm das Hl. Abendmahl reiche.

An diesem 14. Juni 1686 ist Pfarrer Hirn schon mehr als eine Stunde auf dem Weg zu Johann Krunner. Er benutzt, den Kirchenweg der Schöllenbacher Gläubigen, der unterhalb des Geschaidter Berges verläuft und die kürzeste Strecke von Beerbach nach Ober- und Unterschöllenbach ist. Sein Fußgichtleiden setzt ihm heute, an diesem heißen Tag, besonders zu. Aber es ist jetzt nicht mehr sehr weit und er wird bald seinen Ruhestein kurz vor Oberschöllenbach erreicht haben, um sich dort erst einmal etwas auszuruhen, bevor er zu Johann Krunner nach Unterschöllenbach weiter geht.

Die Brander gläubigen Christen und die der beiden Schöllenbacher Dörfer sind seit 1520, also schon 166 Jahre lang in der protestantisch lutherischen Pfarrei Beerbach eingepfarrt.Die drei Dörfer bilden den unteren Teil der Beerbacher Pfarrgemeinde, sind aber auch am weitesten von ihrer Pfarrkirche entfernt. Sie bilden mit ihren etwa 620 Gläubigen den zahlenmäßig größten Anteil der etwas über 2200 protestantischen Christen der Gesamtpfarrei.

Da der Weg von Brand bzw. von Ober- und Unterschöllenbach in die Kirche von Beerbach sehr weit ist, etwa 1 bis 2 Stunden zu Fuß  für den einfachen Weg, um den sonntäglichen Gottesdienst mit zu feiern oder die Sakramente zu empfangen, besucht der Pfarrer öfters seine Pfarrschäflein in den entlegen liegenden Dörfern, um ihnen z.B. das Hausabendmahl zu reichen, die Beichte abzunehmen, eine Haustaufe vorzunehmen oder einem Pfarrmitglied Trost zu spenden, wenn es ernstlich erkrankt ist bzw. seinen letzten Weg zu seinem Herrgott antreten muss.

Pfarrer Hirn setzt einen Ruhestein

Zu dieser Zeit ist Pfarrer Johann David Hirn 43 Jahre alt und bereits 11 Jahre Seelsorger der Beerbacher Pfarrgemeinde. Seit fast einem Jahr plagt ihn ein hartnäckiges Gichtleiden im Fuß , das seine zuvor beschriebenen Pflichtgänge zu seinen Gläubigen immer beschwerlicher macht.Diese Gicht zwingt ihn auf dem langen Weg nach Brand, bzw. nach Ober- oder Unterschöllenbach  öfters stehen zu bleiben, um sich ausruhen. Er benutzt dabei stets die Kirchenwege der einzelnen Dörfer, den die Gläubigen zur Kirche nach Beerbach benutzen. Setzen kann er sich an diesen Wegen nicht, da sie meist durch Felder oder kurze Waldstücke verlaufen und keine Ruhemöglichkeit bieten.

Eines Tages kam ihm der Einfall, sich an den Kirchenwegen zu den entlegeneren Dörfern seiner Pfarrei an geeigneter Stelle eine Sitzgelegenheit errichten zu lassen, die es ihm ermöglicht sich auszuruhen. Bänke kannte man damals noch nicht, so kam er auf die Idee, einen großen Stein am Wegesrand setzen zu lassen, auf dem er sich bequem niedersetzen konnte. Wenn möglich sollte der Ort schattig sein, um gegen die brennende Sonne im Sommer etwas Schutz zu haben.

1685 setzte er seinen Gedanken bezüglich der Ruhesteine in die Tat um. Im Rahmen der Errichtung des Beerbacher Kirchturmes 1685, ließ er sich, zusammen mit den Steinen für den Turm, die aus den Steinbrüchen bei Neunhof gewonnen wurden, auch drei Sandsteinquader als Ruhesteine anfertigen. Sie waren rechteckig, nicht allzu stark, aber groß genug, um sich bequem darauf nieder zu lassen und8
die nach einem Regen schnell wieder trocken wurden. Für entsprechende Beinfreit beim Sitzen und Stabilität des Ruhesteins vor Ort sorgten zwei Tragesteine unter dem Ruhesitz.

Pfarrer Hirn lässt dann auf eigene Kosten diese drei Sandsteine bei Beerbach, Kleingeschaidt und vor Oberschöllenbach, am sogenannten Bierweg, der durch den Wald von Brand nach Oberschöllenbach führt, setzen. Dieser Weg durch den Wald ist Teil des Kirchenweges der Unterschöllenbacher Gläubigen nach Beerbach. Der gewählte Ort für den Ruhestein liegt im Brander Wald, die umliegenden Bäume spenden im Sommer genügend kühlen Schatten. Der Standort war damals nicht ungünstig für Pfarrer Hirn, konnte doch das Fuhrwerk der Brauerei Brand, wenn es wegen einer Bierlieferung zuf llig vorbei fuhr, ihn ein Stück des Weges nach Brand oder nach Oberschöllenbach mitnehmen.

An seinem Ruhestein bei Oberschöllenbach angekommen macht Pfarrer Hirn eine Pause, um sich von dem anstrengenden Marsch zu erholen. Er war sehr froh, dass er die Ruhesteine im letzten Jahr hatte setzen lassen, auch wenn sie ihn einige Gulden gekostet hatten. Für ihn waren die Ruhesteine gut angelegtes Geld.Der Schatten und die Kühle am Ruhesitz tat heute besonders gut, sodass er den Weg zu seinem Ziel in Unterschöllenbach, dem „Stofflesbauer“, rasch fortsetzen konnte.

Für seinen Rückweg nach Beerbach, wollte er den etwas kürzeren Kirchenweg über Brand nehmen, um sich mit Rudolph von Bünau v. d. Büg und Brand auf dessen Herrensitz in Brand auszutauschen – dieser war nicht nur Lehensherr von Büg und Brand, sondern auch der Patronatsherr von Kirchröttenbach, der ehemaligen Mutterpfarrei von Beerbach – um mit ihm über die kürzlich gegründete Schule in Brand zu sprechen. Außerdem wollte er die Gelegenheit nutzen um Rudolph von Bünau seinen erst vor wenigen Tagen fertiggestellten neuen Katechismus „zu Christi Namens Glaub und Ehr der Christen-Kinder Glaubens-Lehr – Catechetische Anweisung der gläubigen Christen-Jugend in den Pfarren Beerbach und Neunhof“ vorzustellen.

Wegebeschreibung

Wer den hier beschriebenen Ruhestein von Pfarrer Hirn am östlichen Ortsrand von Oberschöllenbach einmal selbst als Bankersatz ausprobieren möchte, kann ihn mühelos mit dem Eckentaler Spazierweg Nr. 2 erreichen, indem man den Markierungszeichen des Eckentaler Spazierweges Nr. 2 – er beginnt am Brander Weiher, gegenüber dem Sportplatz des TSV Brand – durch den Wald in Richtung Oberschöllenbach folgt. Kurz bevor der Waldweg auf die Lechstraße in Oberschöllenbach trifft, findet man ihn auf der linken Seite. Heute heißt dieser Ruhestein des Pfarrer Hirn im Volksmund nur der „Hirnstein“. Durch den Einfluss der Witterung über mehr als drei Jahrhunderte sind diese Steine nicht mehr rechteckig, sondern an den Ecken abgerundet.

Möchte jemand den ganzen Eckentaler Spazierweg Nr. 2 – er ist nur 2 Km lang – wandern, findet er den Verlauf des Weges in der Wanderkarte des Marktes Eckental, die man an der Rathauspforte kostenlos erhält.

Quellen: Ewald Glückert, Neunhof – „900 Jahre Neunhof, Tauchersreuth, Beerbach“ „Und einiges fiel auf gutes Land“; Ernst Schön, Heroldsberg – Ergänzungen der Haus- und Familiengeschichte vonUnterschöllenbach

Autor:

wochenblatt - Redaktion aus Eckental

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