Aus Unterlindelbach nach Bad Windsheim
Translozierung und Wiederaufbau einer Scheune

Museumsleiter Herbert May und Reinhold Schmidt zwischen den historischen Balken.
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  • Museumsleiter Herbert May und Reinhold Schmidt zwischen den historischen Balken.
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Nachdem die Eigentümerfamilie an der Stelle einer uralten Scheune eine Maschinenhalle errichten möchte und deshalb beim Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim hinsichtlich einer Gebäudeübernahme angefragt hat, wird nunmehr dieser Wunsch erfüllt.
Schon 2006 konnte dank der großzügigen Unterstützung der Oberfrankenstiftung das 1695/96 nach der Jahrringbestimmung erbaute Wohnstallhaus aus Unterlindelbach ins Freilandmuseum transloziert und 2013 feierlich eröffnet werden. Bautypologisch handelt es sich bei dem Wohnstallhaus um ein „Breites Haus“ wobei sich diese Bezeichnung jedem sofort erschließt, der unmittelbar vor dem mächtigen Giebel steht: Breit, behäbig liegt das Haus da, innen mit großem Grundriss, vor allem mit einem ausgesprochen geräumigen Flur, durch den einst das Vieh hinein- und hinausgeführt wurde. Das „Breite Haus“ ist ein Phänomen vor allem im weiter reichenden Umkreis um Nürnberg und bis ins südwestliche Oberfranken. Das Fachwerkbild zeigt verdoppelte Fußstreben, die in dieser Region bis ins 19.Jahrhundert hinein typisch sind.

Erbaut vor 324 Jahren

Die zum beschriebenen Wohnstallhaus gehörige, im Grundriss annähernd quadratische Scheune (14x14,5 m) weist exakt dasselbe Erbauungsdatum auf: 1695/96. Zu diesem Zeitpunkt wurde die komplette Hofanlage (Wohnstallhaus und Scheune) neu errichtet, nachdem die Vorgängerbebauung im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden war. Die zweischiffige und fünfzonige Scheune zeigt sich hinsichtlich der Grundfläche ähnlich großzügig wie das Wohnstallhaus und dokumentiert damit die einstige Größe des Bauernhofes. Der dreiseitig gebretterte Fachwerkbau besitzt eine giebelseitige Einfahrt, das dreigeschossige Dach mit liegenden Dachstühlen war nach derzeitigen Erkenntnissen ursprünglich mit Halbwalmen und Firstöffnungen ausgestattet, sowie mit Stroh gedeckt. Der Halbwalm ist dann später durch einen Steilgiebel und die Strohdeckung durch eine Biberschwanz-Einfachdeckung ersetzt worden. Die Scheune ist – anders als seinerzeit das Wohnstallhaus – in einem relativ guten baulichen Zustand, bedingt durch den kontinuierlichen Bauunterhalt, den die Eigentümerfamilie vor allem durch den Austausch schadhafter Dachziegel über Jahrzehnte geleistet hat.

Das Scheunengebäude ist nicht als Einzeldenkmal ausgewiesen, wie Museumsleiter Herbert May vor Ort informiert, es besteht auch kein Ensemble-Schutz. Infolge des projektierten Neubaus ist nun ein gewisser Zeitdruck entstanden, so May. Seitens des Freilandmuseums ist die Übernahme eines Gebäudes, das historisch in engstem Zusammenhang mit dem bereits wieder aufgebauten Wohnstallhaus steht, ein wirklicher Glücksfall. Selten, so schwärmt Direktor May, ist es doch so, dass das Gebäudeprogramm einer museal präsentierten Hofstelle derart homogene, historische Wurzeln aufweisen kann. In der Regel stammen die Ensembles aus unterschiedlichen Hofzusammenhängen.

Das Scheunengebäude, das derzeit von einer Fachfirma bis auf den letzten Holznagel zerlegt wird, soll im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim in der Baugruppe Ost zusammen mit dem dazugehörigen und bereits wiederaufgebauten Wohnstallhaus einen für die damalige Zeit typischen Vollbauernhof aus der südlichen Fränkischen Schweiz in der Form einer unregelmäßig offenen Hofanlage repräsentieren. Einen konkreten Zeitplan für den Wiederaufbau gibt es noch nicht, so die Aussage des Museumsdirektors, eine Überlegung bestünde jedoch darin, statt einer längerfristigen Einlagerung der Bauteile, für die von den Museumshandwerkern eine Einhausung geschaffen werden müsste, das Gebäude unmittelbar im Anschluss an die Translozierung wiederaufzubauen. Da die Scheune überwiegend zerlegt wird und nicht in ganzen Wandteilen ins Museum kommt, könnte man den Wiederaufbau als ein museumsdidaktisches Projekt in Zusammenarbeit mit Zimmerer-Fachklassen der Berufsschulen oder im Kontext der überbetrieblichen Ausbildung bei der Handwerkskammer Mittelfranken durchführen. Entsprechende Vorgespräche wurden bereits geführt. Hinsichtlich der Nutzung ist eine öffentlichkeitswirksame Dauerausstellung zum Obstanbau in der Fränkischen Schweiz vorstellbar, die den Vorteil hätte, dass man dadurch zahlreiches mit dem Obstbau in Zusammenhang stehende Sachgut wie Leitern, Wagen, Butten und vieles andere mehr, aber auch stationäre Maschinen und Einbauten zu Mechanisierung der Landwirtschaft publikumsgerecht präsentieren könnte, was die bekannt prekäre Depotsituation im Museum weiter entspannen würde. In wenigen Tagen wird der Platz frei sein für die Vorbereitungen zum Bau einer Maschinenhalle nach neuesten Erkenntnissen, denn die fleißigen Mitarbeiter der Firma Schlosser haben ganze Arbeit geleistet. Reinhold und Erika Schmidt, die ihren Besitz schon an die nächste Generation übergeben haben, freuen sich schon darauf.

Museums-Weihnachtsmarkt

Das Freilandmuseum bietet bis 15. Dezember noch viele Veranstaltungen wie den Museums-Weihnachtsmarkt, Adventsbäckerei, Kinderprogramm mit Christbaumschmuck und Strohsternen. Nach dem 15. Dezember gibt es Winteröffnungstage am25., 26. und 29. Dezember sowie am 6. Januar 2020, die mit etwas Schnee wunderbare Fotomotive ermöglichen. RR
Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim

Autor:

Uwe Rahner aus Igensdorf

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