27. GENERATIONENÜBERGREIFENDE DIGITALE LESE-/VORLESESTUNDE FÜR Jung UND Alt und alle mittendrin
FRITZI WAR DABEI, eine Wendewundergeschichte – NATIONALFEIERTAG in Deutschland: 3. Oktober

Berlin 2007, Pariser Platz, Brandenburger Tor: fröhliches, multikulturelles Treiben
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  • Berlin 2007, Pariser Platz, Brandenburger Tor: fröhliches, multikulturelles Treiben
  • Foto: M.Schi.
  • hochgeladen von Annegret Schildknecht

Liebe Kinder, Eltern, Großeltern, Erzieher, Bewohner und Mitarbeiter im Seniorenzentrum Martha-Maria und ALLE anderen Interessierte, Jung und Alt und alle mittendrin!
Herzlich willkommen zu meiner 27. digitalen Lese- und Vorlesestunde als Ersatz für meine coronabedingt nicht durchführbaren Präsenz-Vorlesestunden unter dem Motto:
ALLE MITEINANDER - ALLE FÜREINANDER -ALLE MITTENDRIN!

Am Samstag, 3. Oktober 2020, haben wir zum dreißigsten Mal die deutsche Wiedervereinigung und den Fall der Mauer gefeiert. Achtundzwanzig Jahre lang hat sich die mehrere Meter hohe Grenzmauer vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 durch unser Land gezogen. Heute gibt es nur noch Bruchstücke der Mauer zu sehen, als Denkmal und zur mahnenden Erinnerung, besonders auch für nachfolgende Generationen, wenn die, die alles miterlebt haben, nicht mehr leben. Rund vierzig Jahre hat sich die innerdeutsche Grenze nicht nur durch das Land, sondern auch durch das Leben der Menschen in Ost- und Westdeutschland gezogen, davon achtundzwanzig Jahre, von Berlin ausgehend, lebensbedrohlich verstärkt durch die meterhohe Betonmauer. Seit dreißig Jahren ist das nun Geschichte, die Mauer ist weg und wir feiern jedes Jahr am 3. Oktober den Tag der Wiedervereinigung. Als die Mauer geöffnet wurde, war der Jubel groß: Viele sind sich in die Arme gefallen und haben vor Freude geweint und auf der Mauer getanzt.
Die Mauer ist - Gott sei Dank! - überwunden und verschwunden, aber in den Köpfen, da ist sie, wie wir schmerzhaft immer wieder feststellen müssen, immer noch nicht so ganz verschwunden. Das zeigt sich unter anderem auch daran, dass laut Statistischem Bundesamt rund 21% der Westdeutschen bis heute noch nie in Ostdeutschland waren. Demgegenüber wird der Prozentsatz der Ostdeutschen, die noch nie im Westen waren, mit 9% angegeben. Da ist, insbesondere bei den Westdeutschen, noch viel Luft nach oben.
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Zu dem Themenfeld innerdeutsche Grenze, Mauer, Menschen auf beiden Seiten der Mauer, Leben vor und nach der Wende und Wiedervereinigung sind schon viele eindrucksvolle und zu Herzen gehende Bücher geschrieben worden, die man lesen und vorlesen kann, wie zum Beispiel „Fritzi war dabei“ von Hanna Schott, ein Buch für Jung und Alt, von dem ich jetzt in der folgenden Zusammenfassung erzählen möchte:

Endlich Sommerferien! Die neunjährige Fritzi wäre darüber noch viel glücklicher gewesen, wenn ihre beste Freundin Sophie mit ihr zusammen in Leipzig bliebe. Aber Sophie und ihre Mutter fahren in den Urlaub nach Ungarn und Fritzi nimmt Sophies kleinen Hund Sputnik in Pflege.
Es ist der Sommer des Jahres 1989 und der Leser ahnt, was die Reise der besten Freundin nach Ungarn bedeutet: Sophie und ihre Mutter kommen nicht mehr aus ihrem Urlaub zurück. Das letzte, was Fritzi von der Freundin hört, ist ein Anruf aus einer Telefonzelle in der Nähe der bundesdeutschen Botschaft in Budapest. Dann hört sie erst wieder etwas von Sophie aus ihrem neuen Wohnort in Westdeutschland.
Nach und nach wird Fritzi klar, welche Risiken es mit sich bringen kann, in der Deutschen Demokratischen Republik zu leben, besonders wenn man unliebsame Fragen stellt und andere Vorstellungen hat als „die Anderen“. Das Mädchen gerät immer mehr in Konflikt mit der Schule und auch mit anderen Institutionen des Staates.
Fritzi wendet sich nicht nur gegen Ungerechtigkeiten im Kleinen, sondern rebelliert durch ihre Fragen auch gegen das politische System, ohne sich dessen bewusst zu sein. Und dann gerät sie auch noch mit ihrer Mutter in die Montagsdemonstrationen um die Nikolaikirche in Leipzig. Die dabei gemachten Erlebnisse verstärken ihr schon vorhandenes zweifelndes Gefühl, dass da etwas nicht stimmen kann.
Auch die Stimmung unter den Mitschülern in ihrer Schulklasse wird vom politischen System und von den Machtstrukturen des Staates geprägt.
Viele Menschen sind nicht einverstanden mit ihren Lebensumständen und so tauchen immer wieder kleine Aktionen des Widerstands auf.
Dem Leser wird klar, wie Überwachung, Linientreue und Indoktrination bereits bei den Kindern Teil des Alltags sind. Man kann sich gut vorstellen, dass schon die kleinen Nischen des Widerstands und die im kleinen Rahmen eroberten Freiheiten ein Erfolg sind, den man feiert.
In dem Buch wird deutlich, dass die Familie und die eigenen vier Wände einen besonderen Stellenwert haben und sehr wichtig sind als ein geschützter Rückzugsraum, wo man reden und Dinge machen kann, die keiner hören, sehen und wissen soll, wie zum Beispiel das man das verbotene Westfernsehen anschaut. 
Eindrucksvoll und bedrückend wird berichtet von einem Fluchtversuch an der deutsch-deutschen Grenze, der mit dem Gebell der Hunde und dann mit einem Schuss aus der Waffe eines Grenzsoldaten endet. Es fällt nicht schwer, sich die Angst und die nach dem Schuss eintretende lähmende Stille vorzustellen und das Leid nachzuempfinden. ………

Irgendwann ist Fritzi dann wild entschlossen, ihre Freundin Sophie in Westdeutschland wiederzusehen und ihr auch den bei ihr zurückgelassenen Hund Sputnik zurückzubringen.
Der Leser ahnt, dass das nicht gutgehen kann und tatsächlich: es gibt Verfolgungsjagden mit der Stasi in den Straßen von Leipzig, Konfrontationen mit Fritzis linientreuer Lehrerin und ähnliches mehr.
Aber dann werden schließlich alle Schwierigkeiten durch das Volk, dessen nicht nachlassender Kampf zum Fall der Mauer geführt hat, und durch die große Politik beseitigt.
Am Ende können Fritzi und der Hund Sputnik an einem kleinen Grenzübergang in der Nähe von Leipzig die offene Grenze passieren. Damit geht der Herzenswunsch eines neunjährigen Mädchens, das nicht von seiner Freundin getrennt werden und mit seiner Familie in Freiheit leben will, in Erfüllung.
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Viele Lieder zum Thema „Freiheit“ wurden bis heute geschrieben und gesungen und wenn es mit dem Singen altersbedingt noch nicht oder nicht mehr so gut geht, kann man die Melodie auch summen oder den Text lesen und vorlesen.
Auch in meinen Vorlesestunden im Seniorenzentrum Martha-Maria in Eckental-Forth haben wir schon mal über das Thema "Freiheit" und seine Bedeutung für unterschiedliche Lebensalter und Lebenssituationen gesprochen. Und dann haben wir das allen Senioren bekannte Volkslied „Die Gedanken sind frei“ miteinander gesungen, in dem die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit zum Ausdruck kommt. Dabei wurden auch viele Erinnerungen freigesetzt an verschiedenste Ereignisse im bisherigen langen Leben.

Die Gedanken sind frei! Wer kann sie erraten?
Sie fliehen vorbei wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!
Ich denke, was ich will und was mich beglücket,
doch alles in der Still und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren,
es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!
Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker,
das alles sind rein vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei: Die Gedanken sind frei!

Drum will ich auf immer den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer mit Grillen mehr plagen (Grillen = trübe Gedanken).
Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen und denken dabei:
Die Gedanken sind frei!

Dazu noch eine kurze Episode aus der Geschichte dieses Freiheitsliedes, die ich auch schon mal in meiner Vorlesestunde im Seniorenheim Martha-Maria erzählt habe. Viele Bewohner konnten sich sogar daran erinnern, dass auf dem Höhepunkt der Berliner Blockade, am 9. September 1948, der damalige Oberbürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, vor mehr als 300.000 Berlinern vor der Ruine des Reichstagsgebäudes eine Rede hielt, in der er an „die Völker der Welt“ appellierte, die Stadt Berlin nicht preiszugeben. Nach dieser Rede erklang spontan aus der Menschenmenge das Lied „Die Gedanken sind frei“.
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Viele Menschen in Ost und auch in West waren mutig und haben viel gewagt und manche haben sogar für ihre Ideale ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Zum Thema „Mut“ lesen oder hören Sie hier ein Gedicht, das der katholische Priester, Dichter und Schriftsteller Lothar Zenetti, *1926, +2019, im Jahr 1972 geschrieben hat:
Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.
Was keiner sagt, das sagt heraus. Was keiner denkt, das wagt zu denken.
Was keiner anfängt, das führt aus.
Wenn keiner Ja sagt, sollt ihr´s sagen. Wenn keiner Nein sagt, sagt doch Nein.
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben. Wenn alle mittun, steht allein.
Wo alle loben, habt Bedenken. Wo alle spotten, spottet nicht.
Wo alle geizen, wagt zu schenken.
Wo alles dunkel ist, macht Licht.
(aus: Lothar Zenetti: Auf Seiner Spur. Texte gläubiger Zuversicht)

Frage: Fällt Ihnen beim Stichwort „Licht“ spontan auch der auf das Ende der DDR bezogene Ausspruch ein: „Der Letzte macht das Licht aus“? Das war allerdings zu einem Zeitpunkt, als man noch nicht ahnte, dass dieser Letzte einmal der Staatschef höchstpersönlich sein würde. Erich Honecker hatte nach der vom Volk ausgelösten friedlichen Revolution und dem Fall der Mauer das gleiche Motiv, wie Millionen seiner Landsleute vor ihm, die geflüchtet waren: Er wollte nicht mehr in der DDR leben, weil er die neuen politischen Verhältnisse zutiefst ablehnte und weil er Angst davor hatte, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wegen seiner Verantwortung für Menschenrechtsverletzungen des DDR-Regimes kam er 1992 in Berlin vor Gericht. Nachdem das Verfahren nach seiner diesbezüglichen Verfassungsbeschwerde wegen seiner schweren Krankheit eingestellt wurde, reiste Honecker mit seiner Frau ins Exil nach Chile, wo er 1994 starb.
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Und nun noch etwas anderes, denn ich möchte noch von unserem Ausflug Anfang Oktober nach Regensburg ins Museum für ostdeutsche Kunst mit der gegenwärtigen Schausammlung unter dem Motto „Woher kommen wir, wohin gehen wir?“ erzählen. Wir waren sehr beeindruckt von den vielen Gemälden und Skulpturen deutscher Künstler aus dem östlichen Europa, die früher dort lebten oder auch heute noch dort leben. Einige der bekanntesten Gemälde sind von Lovis Corinth, Max Beckmann, Anselm Kiefer, Oskar Kokoschka, Max Pechstein und Skulpturen von Käthe Kollwitz. Viele Werke sind Leihgaben aus dem Eigentum der Bundesrepublik Deutschland.
Im Anhang können Sie sich von diesem Ausflug einige Fotos von meinem Mann anschauen.
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Liebe Kinder, Eltern, Großeltern, Erzieher, Bewohner und Mitarbeiter im Seniorenzentrum Martha-Maria und alle anderen Interessierte, Alt und Jung und alle mittendrin,
nun hoffe ich für uns alle, dass wir bald wieder gemeinsam ohne Mund-Nasen-Schutzmaske miteinander sprechen und auch singen dürfen, im Chor, in der Kirche, im Kindergarten, in der Schule und, last but not least, im Seniorenheim. Die Gemeinschaftserlebnisse, bei denen wir nicht auf Abstand und andere coronabedingte Vorsichtsmaßnahmen achten müssen, fehlen uns allen sehr, egal ob Jung oder Alt. Besonders fehlen sie aber denen, die allein leben, die auf Hilfe angewiesen sind, die krank sind und im Krankenhaus liegen und allen, egal ob Jung oder Alt oder mittendrin, die in Heimen leben und sehnsüchtig auf Besuch warten.

Ich wünsche allen Lesern, Vorlesern und Zuhörern weiterhin viel Lebensfreude, Verständnis im täglichen Miteinander und Füreinander sowie Dankbarkeit für das Erreichte und Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft.

Wie immer zum Abschied noch ein paar Zeilen zum Schmunzeln, die ich in einem Buch gefunden und bezogen auf Franken etwas abgeändert habe:
Wir freuen uns des Lebens
und gehören zusammen
wie Brezen und Butter,
wie Küchle und Puderzucker,
wie Pfannkuchen und Apfelmus.

Ade und Tschüss! Bleiben Sie/Bleibt alle gesund und fröhlich!
Ihre/Eure Annegret Schildknecht

Hinweis:
Alle Beiträge zu meinen digitalen Lese- und Vorlesestunden für Jung und Alt als Ersatz für coronabedingt nicht mögliche Präsenz-Vorlesestunden sind hier
(bitte anklicken) sowie unter: https://www.wochenklick.de/tag/vorlesen
Hinweis: Die Beiträge kommen im Seniorenzentrum Martha-Maria durch die Sozialbetreuung zum Einsatz und im evangelischen Kindergarten Eckenhaid durch die Erzieherinnen. Außerdem sind sie auf der Homepage der Friedenskirche Eckenhaid unter Kindergarten, Aktuell, zu finden.
Hinweis: Das Copyright für Fotos mit der Angabe "M.Schi." liegt bei:
Dr. Manfred Schildknecht

Autor:

Annegret Schildknecht aus Eckental

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