Ernst Bayerlein blickt zurück
Französische Kriegsgefangene als Helfer in Kalchreuth

Bei der Arbeit im Wald – 2.v.r. vermutlich René Plazanet, später in der Gemeinde Kleinsendelbach 
auf einen Bauernhof.
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    auf einen Bauernhof.
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Mein Vater, Renè Plazanet war als französischer Kriegsgefangener in der Region Erlangen, ab Juli 1940 vom Forstamt Erlangen-Ost zuerst im Wald eingesetzt, dann war er ab Juli 1941 drei bis vier Jahre auf einem Bauernhof. Dieser wurde von einer alleinstehenden Frau, deren Mann im Krieg war, bewirtschaftet. Es war ein kleiner Junge da – so sind die Erinnerungen von Madame Lyliane Plazanet-Chaveroche aus Treignac in der Region Nouvelle-Aquitaine in der Mitte Frankreichs zwischen Lyon und Bordeaux. Die Tochter von Renè Plazanet möchte nun wissen auf welchem Bauernhof ihr Vater war? Damit kommt man auf ein Thema, das bisher ziemlich unbekannt ist und es gibt auch nur noch wenige Zeitzeugen. Frau Plazanet-Chaveroche wandte sich zuerst an den Deutsch-Französischen Partnerschaftsverein in Windsbach und von dort kam die Anfrage nun an den Partnerschaftsverein in Kalchreuth.
Eine frühere Suche ergab dass Renè Plazanet, geboren 1911, gestorben 1987, als französischer Kriegsgefangener aus dem Stammlager XIIIA in Sulzbach-Rosenberg nach Erlangen verteilt wurde. Insgesamt kamen nach dem „erfolgreichen Blitzkrieg“ der Deutschen Wehrmacht gegen Frankreich im Sommer 1940 etwa 1,8 Millionen französische Kriegsgefangene zur Arbeit in das Deutsche Reich. Aus Unterlagen ergibt sich daß Renè Plazanet vom Forstamt Erlangen-Ost ab Juli 1940 im Wald eingesetzt war, davon gibt es Bild, ehe er dann im Juli 1941 nach Hetzles kam. Nach Listen vom Arolsen-Archiv kam Plazanet dann am 15. Juli 1942 auf einen Bauernhof in der Gemeinde Kleinsendelbach, dort war er bis April 1945.
Nach Kriegsende kehrte René Plazanet in sein Heimatland zurück und nach einem Militärstammblatt aus Chartres wurde er am 13.Mai 1945 aus der französischen Armee entlassen. Einige Zeit später heiratete er und es kam eine Tochter. Diese berichtete viele Jahrzehnte später, dass ihr Vater nie viel über seine Zeit als Kriegsgefangener in Deutschland erzählte.

Auf welchen Bauernhof war er aber, gibt es noch Zeitzeugen?
Für die Kriegsgefangenen galten die Haager Landkriegsordnung sowie die Genfer Konvention von 1907. Im Artikel 4 sind die Grundsätze der Behandlung von Kriegsgefangenen festgelegt. Sie sind menschlich zu behandeln, dürfen zur Arbeit herangezogen werden und es muss für den Unterhalt gesorgt werden. Dazu gehören Nahrung, Kleidung, die Unterbringung und eine Behandlung wie die eigener Soldaten. Kriegsgefangene unterstehen den Landesgesetzen, den Vorschriften und den Befehlen und können bei Fluchtversuche bestraft werden.
Nach einer Transportliste kamen im Juli 1940 dreißig französische Kriegsgefangene, begleitet von zwei Posten, in Kalchreuth an. Untergebracht wurden sie im Saal der Gaststätte Sußner. Gemeinschaftlich wurden sie verpflegt, beschäftigt wurden sie vom Forstamt Erlangen-Ost. Jeden Morgen zogen sie vom Ort aus zur Arbeit in den Wald und kamen am Abend wieder zurück – erinnert sich Georg G., der damals in der Fürther Straße wohnte. Etliche Männer lernten etwas Deutsch, in der Freizeit hat sich vor allem George (Schorschi genannt) mit uns Kindern abgegeben. Er konnte sich, wie alle anderen auch, frei bewegen – erzählt der Rentner. Sie hatten hier in Kalchreuth ein schönes Leben, zuhause in Frankreich wären sie wieder als Soldaten eingezogen worden und hätten wahrscheinlich wieder in den Krieg gemusst – vermutet G.
Die Ernährung der Bevölkerung musste während der Kriegszeit sichergestellt werden und so war die einheimische Landwirtschaft sehr wichtig. Vielfach waren aber die Männer und Söhne der Bauern zur Wehrmacht eingezogen, zuhause waren die Frauen, Kinder und alte Leute.
Damit aber die Arbeit auf dem Bauernhof weiterlief, kamen, oft auf Anforderung der Frauen hin, französische Kriegsgefangene auf den Hof. Nach einer Liste vom Juli 1940 kamen 15 Männer nach Kalchreuth und wurden in Kalchreuth und Käswasser verteilt. Von Beruf waren es Tagelöhner, oftmals Landwirte, aber auch ein Kraftfahrer, ein Mechaniker, Elektriker und ein Angestellter waren dabei. Klara N. erinnert sich dass ihre Mutter etwas von einem „Bedit“ erzählte, er gehörte wie ganz selbstverständlich zur Familie und aß am Tisch mit. Der Kriegsgefangene Emile war während der Kriegsjahre beim damaligen Transportunternehmer Lochmüller beschäftigt. Dass es ihm hier gut ging beweist sein Besuch mit seiner Frau Mitte der 1960er Jahre berichtet Helga L. Nach einer Aufstellung der Gemeinde waren noch im April 1945 in Kalchreuth 30 Mann im Wald eingesetzt und 25 Mann in der Landwirtschaft, jetzt unter dem Sonderkommando vom Stammlager Nürnberg-Langwasser.
Französische Kriegsgefangene waren auch in anderen Dörfern des Erlanger Oberlandes wie in Röckenhof, in Kleinsendelbach (8 Männer), in Hetzles (38 Männer) und in Groß- und Kleingeschaidt (14 Mann) im Einsatz. Beim Bauern Ziegler war der Kriegsgefangene Gustave Borderon. Er langte kräftig zu und begleitete den „Patron“ sogar nach Nürnberg zum Kartoffel verkaufen – wie ein Bild zeigt. Im Jahr 1986 war er mit seiner Frau Alice hier zu Besuch. In den letzten Kriegsjahren 1943 /1944 kamen dann immer mehr Kriegsgefangene aus der Ukraine und aus Polen zur Arbeit auf die Bauernhöfe. Die Kriegsgefangenen waren meistens auch noch da als im April 1945 die amerikanischen Soldaten in die Orte einrückten, erst dann setzten sie sich ab und schauten dass sie irgendwie in den Nachkriegswirren in ihr Heimatland zurückkamen.

Ernst Bayerlein

Bei der Arbeit im Wald – 2.v.r. vermutlich René Plazanet, später in der Gemeinde Kleinsendelbach 
auf einen Bauernhof.
Gustave Borderon – rechts im Bild, die Familie Ziegler aus Kleingeschaidt transportierte 1942 Kartoffel zum Verkauf nach Nürnberg.
Autor:

wochenblatt - Redaktion aus Eckental

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