Kriegsende im Mai 1945
KZ-Befreier aus Forth

Fritz Schnaittacher als US-Leutnant ca. 1945
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Vor 75 Jahren wurden über 30.000 Opfer nationalsozialistischer Gewalt im Konzentrationslager Dachau von der US-Army befreit. Diese Befreiung ist tatsächlich auch ein Stück Heimatgeschichte, weil es auf Seiten der Geschundenen und der Befreier Forther gab. Zehn Genossen der Forther Sozialdemokratie waren zur „Vernichtung durch Arbeit“ in Dachau interniert und es war der gebürtige Forther Fritz Schnaittacher, der als GI bei der grauenvollen Öffnung des Lagers in den ersten Maitagen 1945 mitwirkte.

Forther Sozialdemokraten in Dachau

Das am 22. März 1933 eröffnete Konzentrationslager wurde von der Propaganda als „Erziehungslager für Arbeitsscheue“ dargestellt. Himmlers Muster-KZ wurde zum Sinnbild rechtsfreier Strafjustiz und grausamer Willkürherrschaft der Faschisten. Lorenz und Johann Tröger, Georg und Richard Merkl, Mirsberger, der Fabrikarbeiter Leonhard Borisch, der Viehhändler und Fuhrunternehmer Wolfgang Klein, Schönwald, König und Hans Stolz aus Forth wurden im KZ Dachau inhaftiert, weil sie den neuen Machthabern als „politisch unzuverlässig“ galten und im sozialdemokratischen Reichsbanner korporiert waren. Ihre „Schutzhaft“ dauerten mehrere Monate und hinterließen innerlich und äußerlich versehrte Männer. Schon die Begrüßung war brutal. Wolfgang Klein berichtet, dass Hans Stolz „im August eingeliefert worden sein [muss]. Ich hab ihn [und König] gleich am Tor gesehen. [Er erzählte] dass er ein Göringbild umgedreht habe, dann sei SA gekommen, habe ihn nach Frohnhof geführt und habe ihn grün und blau geschlagen. […] Er konnte [noch] normal gehen. Am anderen Tag wurde er nochmals von der SS abgeholt und bekam überm Bock nochmals 50 übers nackte Gesäß. Das ganze Gesäß war zerschlagen.“ Die Briefe, die Lorenz Tröger schrieb, waren zensiert, denn sie enthielten eigentlich nur Beiläufiges und Hoffnung auf Besserung, aber keine konkreten Schilderungen ihrer Lage. Am 20.8.1933 waren sie schon „die 5. Woche [in] Dachau. […] Wir Gefangenen sind von Frau und Kindern und allen Bekannten, Mitmenschen, sowie vom ganzen wirtschaftlichen Verkehr abgeschlossen. Wenn mich jemand fragt, warum ich in Dachau bin, so kann ich ihm nur die Antwort geben, weil ich die Wahrheit gesagt hab. Das wird mir in Forth niemand widersprechen können.“ Auch die zwei anderen erhaltenen Briefe sind an Familie Franz Merkl. Am 8.9.33 teilte er „kurz mit, daß wir alle gesund sind. Ich muß erwähnen, sollten wir in Dachau noch einen Winter verbüßen, daß wäre für uns eine Härte, [da] wir furcht[bar] frieren müßen, [aber] ohne Verzagen werde ich mein Schicksal ertragen. Lorenz Tröger, Konzentrationslager in Dachau X 3“.

Fritz ging noch drei Jahre in der Jüdischen Schule in Forth, die aber 1922 wegen Schülermangel geschlossen werden musste. Er wechselte auf die protestantische Bekenntnisschule und dann auf das Realgymnasium, die höhere Handelsschule, nach Nürnberg. 1933 wurde er als Jude und sozialistischer Aktivist vom Forther Gendarm Hegwein im Elternhaus, dem heutigen Post-Club in der Martin-Luther-Straße, verhaftet und kam zusammen mit seinem Cousin Alfred Schnaittacher aus dem unteren Schnaittacherhaus in Erlangen für sechs Wochen ins Gefängnis. Fritz ging nach der Amnestie zu Hitlers Geburstag am 19. April 1933 nach München und wanderte 1933 bereits nach Amerika aus. Dort schlug er sich zunächst bescheiden als Arbeiter in der Fabrik eines Onkels, dann als Fruchtsaftlikörverkäufer, später als Direktor für (Wund)verbände durch. Er war Mitglied des „New World Club“ und der „Antifaschistischen Arbeitsgemeinschaft“ und ließ nicht nach, seine Mutter und Verwandten zu warnen und sie zur Emigration aus Nazideutschland zu bewegen. Seit 1939 offiziell US-Bürger, trat Fritz Schnaittacher kurz nach seiner Heirat im Februar 1942 in die U.S. Army ein und wurde im Rang eines Second Lieutenant des 157. Infanterieregiment der 45. Division der Nationalgarde von Oklahoma als I.P.W. (Interrogators of Prisoners of War – Befrager von Kriegsgefangenen) zur Erkundung der gegnerischen Taktik eingesetzt. Am 15. März durchbrach sein Regiment von Italien kommend die Siegfried-Linie und arbeiteten sich über Aschaffenburg, das in Trümmern liegende Nürnberg Richtung München vor. Am Morgen des 29. April erhielt der Bataillonskommandeur Lieutenant Colonel Felix Sparks den Befehl ein Konzentrationslager zu befreien. Fritz Schnaittacher, hatte im Gegensatz zu seinen Kameraden im Regiment zumindest eine Ahnung davon, was „Dachau“ hieß, bevor sie Ende April bzw. Anfang Mai die 32.335 verbliebenen Häftlinge retteten. Die Gefangenen waren aus ganz Europa, darunter viele Polen, Russen und Franzosen. Seit November grassierte eine Fleckfieberepidemie, so dass die Toten auf der Lagerstraße vor den Baracken und am Krematorium aufeinandergestapelt wurden, weil täglich Hunderte Menschen starben. Fritz Schnaittacher „wusste von früher, dass Dachau ein Lager war, in dem die Menschen gefoltert und zerbrochen wurden.“ Die jungen Soldaten der US-Army aber konnte niemand auf das Grauen vorbereiten, das sie nach dem Lagertor erwartete. Sie näherten sich an diesem kalten Sonntag vom Südwesten dem Lagerkomplex. Auf einem Gleis nahe dem Haupteingang zum SS-Lager, in der heutigen Friedenstraße, standen 39 Waggons eines Güterzugs. Dann der Schock. In den Waggons lagen Tote, nur tote, ausgemergelte, geschundene Körper, oft nackt oder in Kleiderfetzen, mit verrenkten Armen und Beinen. 2.360 Toten starrten mit aufgerissenen Augen auf die GIs. Sie waren am Vortag nach 21 Tagen Fahrt aus Buchenwald in Dachau angekommen. Die SS hat die Menschen verhungern und verdursten lassen. Der Anblick überwältigte Sparks Männer. Sie weinten, fluchten, mussten sich übergeben. Manche drehten durch, schrien nur noch, wenige schossen auf die SS. Auch Fritz Schnaittacher war im Mark erschüttert. „Als ich ankam, stand vor dem Tor einer dieser schrecklichen Züge. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Der Frachtzug war voll mit Leichen. Uns wurde erzählt, es sei ein Frachtzug gewesen, der sie vom Osten in den Westen transportiert habe. Und ohne Nahrung und wenig Kleidung starben die meisten an Hunger. Wer versuchte, von den Wagen zu klettern, wurde von der SS erschossen. Als ich wenig später Menschen wie lebende Leichen sah, konnte ich nicht das Gefühl unterdrücken, dass die Toten besser dran waren als die Lebenden. Diesen lebenden Skeletten mit ihren verwüsteten großen Augen sah man deutlich an, was sie erlitten hatten. Endlose Pein.[…] Nach meiner Erinnerung [waren pro Wagen] zwischen 600 und 800. […] Einige hatten versucht, sich gegenseitig aufzuessen. Was für ein schrecklicher, schrecklicher Hunger. Und dann, so schien mir, war das Leben plötzlich aus ihnen herausgeflossen und die Lage der Leichen schien dies wie eine Geschichte zu erzählen. Sie gaben in so vielen Stellungen auf. Sie gaben aus Schwäche auf. Sie gaben dem Tod nach.“ Ein ekelerregender Gestank lag in der Luft. Er stammte von den verwesenden Körpern und Exkrementen.

Fritz Schnaittacher schrieb am 1. Mai 1945 über jene Leichenberge und Erfahrungen in Dachau auf erschütternde Weise an seine Frau. Man merkt, dass er aufrichtig sein will, aber dennoch auch beruhigen. Er hat die Erlebnisse dieser Tage nie vergessen. "Mein liebstes Dottylein, [...] Unser Regiment hat Dachau eingenommen oder, besser gesagt, das menschliche Wrackgut befreit, das dort zurückgelassen wurde. […] weil wir endlich die Tore eines Ortes öffneten, der wohl zu den höllischsten/schrecklichsten auf dieser Welt zählen muss. Ich muss [..] sagen, dass ich mir die irrsinnige Grausamkeit niemals hätte vorstellen können, mit der ich heute konfrontiert bin. […] Waggonladungen über Waggonladungen voll mit Leichen, das waren einmal Menschen, die gelebt haben, die glücklich waren, und Menschen, die Überzeugungen hatten oder die Juden waren – die dann langsam, aber mit Methode ermordet wurden. Diese Menschen sind von einem hässlichen Tod gezeichnet – man hatte sie verhungern lassen - die Positionen, in denen sie dalagen, zeigen, dass sie langsam zu Grunde gingen – sie machten einen Schritt, fielen hin, waren zu schwach aufzustehen, und da liegen hunderte solcher lebloser Skelette, von anderen Getöteten bedeckt. [Ich befragte eine SS-Mann und er] erzählt mir noch vo[n eine]m Konzentrationslager bei Kattowitz – Dachau ist im Vergleich dazu ein Kinderspiel.“ Das Wort Auschwitz kannte damals noch kein Mensch. Am 2. Mai 1945, sechs Tage vor der bedingungslosen Kapitulation des Großdeutschen Reiches schrieb er nochmals. „Ich kann keine Worte finden, die auch nur annähernd diese sinnlose, mit dem menschlichen Verstand nicht erfassbare Brutalität und dieses Grauen beschreiben könnten. Trotz alledem brach aber nach unserer Ankunft hier die Sonne durch diese verzweifelte Dunkelheit, zumindest für diejenigen, die man am Leben gelassen hatte. Das Glück dieser Menschen, ihre Freude, kennen keine Grenzen. […] Die Gefangenen haben gestreifte Anzüge an, die aussehen wie Pyjamas. […] Die Ernährung in Dachau hat bei jedem einzelnen ihre Spuren hinterlassen. Sie sind überall, sie kommen aus aller Herren Länder. Wo auch immer wir ihnen begegnen, grüßen sie uns, sie heben ihre Hände oder nehmen ihre Mützen ab, werfen uns Kusshände zu oder neigen ihre Köpfe zum Gruß. […] Ereignisse von größter Bedeutung überschlagen sich hier – ein sicheres Zeichen des unmittelbar bevorstehenden totalen Zusammenbruchs […] - Frieden - Mussolini und Hitler tot - einige Wehrmachtseinheiten haben sich bereits bedingungslos ergeben, der Rest wird ihnen in einer Stunde, in ein oder zwei Tagen folgen, länger wird es nicht mehr dauern. Das klingt so wunderbar – endlich können wir uns daran machen, den Frieden in Europa zu erlangen." Die Briefe strömen auf unheimliche Weise die Unwissenheit über das gesamte Ausmaß des Nazi-Terrors aus, aber auch die Hoffnung auf baldige Beendigung dieses menschenverachtenden Regimes. Charmant bleibt inmitten eines sehr guten amerikanischen Schreibstils, den Fritz Schnaittacher in den Jahren 1933 bis 1945 erlernte, der urfränkische Kosename „Gutsele", mit dem er sich am Ende verabschiedete.

Fritz Schnaittacher wollte nach Forth. Abends „erreichten wir das Dorf. Ich kann heute noch sehen, wie die Fenster aufgingen und hören, wie sie riefen: ‚Der Fritz ist zurück. Der Fritz ist zurück. Der Fritz ist zurück!‛ Ich kam zu meinem Haus, zu dem Haus, in dem ich geboren wurde und wir fuhren hin. Das Haus war unverändert. Im Parterre war [plötzlich und neu für ihn] das Bürgermeisteramt und das Parteibüro. Oben waren Wohnräume. Ich klopfte an die Tür und eine furchtsame junge Frau schaute aus dem Schlafzimmerfenster, in dem meine Mutter geschlafen hatte. Ich konnte ihre Knie zittern hören, denn das waren Tage, in denen man Angst bekam, wenn ein Amerikaner anklopfte. Ich erkannte sie nicht. Sie war jung, und ich bat sie, ihren Vater herunterzuschicken. Ihr Vater kam. Ich erkannte ihn sofort und er fiel mir um den Hals, denn er hatte mich trotz meiner Uniform erkannt. Er war ein alter Sozialdemokrat, sehr menschlich, ein Antinazi. Ich sagte: ‚Sie können in meinem Haus bleiben, aber heute möchte ich hier übernachten. Aber jetzt möchte ich den Fahrer meiner Mutter besuchen.‛ Er war in meiner Erinnerung ein Held. Er hatte meine Mutter, wann immer möglich, beschützt. Er hatte im Konzentrationslager Dachau gelitten und ich wollte wissen, ob er aus dem Krieg zurückgekehrt war und ich etwas für ihn tun konnte. Wir fuhren zu seinem Haus, aber er war noch nicht heimgekehrt. Ich glaube heute, er war damals noch Kriegsgefangener. Aber wir ließen bei seiner Frau, die überglücklich war uns zu sehen, einige Geschenke zurück. […] Im Dorf gab es einen Ausrufer, und ich befahl dem Bürgermeister, dass er dem Ausrufer die Weisung geben solle, alles gestohlene jüdische Eigentum in das Bürgermeisteramt zurückzubringen. Dann befahl ich dem Gendarm, in drei oder vier Stunden wieder zurück zu sein, denn ich wolle nach Schnaittach fahren, um dort einiges in Ordnung zu bringen. Es waren nämlich Grabsteine umgeworfen und zerstört worden usw.“ Schnaittacher sollte wegen Überschreitung seiner Kompetenzen noch zur Rede gestellt werden, weil der Bürgermeister von Erlangen eine Eingabe wegen selbstmächtigen Vorgehens gemacht hatte, aber der amerikanische Leutnant, inzwischen mit Orden behängt, entging einer Bestrafung und diente auch als Übersetzer bei den Nürnberger Prozessen. Er kehrte unverletzt nach New York zurück und bekam mit seiner Frau Dotty die Söhne Paul, Peter und Richard. Bis 1951 erkämpfte Fritz Schnaittacher über die Wiedergutmachungsstelle eine Entschädigungssumme von 12.000.- DM für das verlorene Sandsteinhaus und die Remise mit weitem Grund. Er starb im Juli 2007 in New York als pensionierter Firmenpräsident der Acme Cotton Products Company mit 150 Angestellten. Seine Todesanzeige aus der New York Times hängte Pfarrer Häselbarth eine Woche an das Ankündigungsbrettchen vor der St. Anna Kirche.

Insgesamt waren im KZ Dachau und Außenlagern in zwölf Jahren über 200.000 Menschen aus ganz Europa gefangen. Mehr als 41.500 wurden ermordet oder starben an den Folgen von Unterernährung, der Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie in 140 Außenlagern und -kommandos oder durch medizinische Versuche. In der Nachkriegszeit wollten viele Dachauer und Gleichgesinnte nichts von dem KZ gewusst haben. Jahrzehntelang wird die KZ-Gedenkstätte angefeindet, die 1965 von ehemaligen Häftlingen durchgesetzt wird. Sie sahen sich in der Pflicht von den brutalen, faschistischen Methoden der Entehrung, rassistischen Unterdrückung und Ermordung Zeugnis abzulegen für alle Zeit.

Autor:

wochenblatt - Redaktion aus Eckental

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