Das Märchen vom GLÜCK/oder: GLAUBE, HOFFNUNG, LIEBE, diese Drei ...
5. Digitale, dialogische Vorlesestunde mit Musik "An die Freude" für ALT und JUNG, alle Interessierte u.a. Junggebliebene

Museumsbesuch in Zeiten der Corona-Krise: nach der Öffnung der Museen Mitte Mai 2020, Neues Museum Nürnberg
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  • Museumsbesuch in Zeiten der Corona-Krise: nach der Öffnung der Museen Mitte Mai 2020, Neues Museum Nürnberg
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Liebe Leser, Vorleser und Zuhörer!

Herzlich willkommen zu meiner 5. digitalen, dialogischen Vorlese- und Erzählstunde
mit Musik "An die Freude" (s. Link im Text) für ALT und JUNG, alle Interessierte und andere Junggebliebene!

Wenn ich diese Woche zur Vorlesestunde in das Seniorenzentrum Martha-Maria in Eckental-Forth hätte kommen können, dann hätte ich das "Märchen vom Glück"  von Erich Kästner vorgelesen/erzählt/diskutiert. Das ist der Schriftsteller, der „Emil und die Detektive“, „Das fliegende Klassenzimmer“, „Das doppelte Lottchen“, „Pünktchen und Anton“ und vieles andere mehr geschrieben hat, Bücher, die auch heute noch gerne gelesen werden.
Ich wünsche Allen viel Freude und gute Gedanken beim Lesen, Vorlesen und Zuhören!
Das Märchen vom Glück
Siebzig Jahre alt war er gut und gern, der Mann, der mir in der verräucherten Kneipe gegenüber saß. Sein Haarschopf sah aus, als habe es darauf geschneit, und die Augen blitzten wie eine blank gefegte Eisbahn. „Oh, sind die Menschen dumm“, sagte er und schüttelte den Kopf, dass ich dachte, gleich müssten Schneeflocken aus seinem Haar aufwirbeln. Und er fuhr fort: „Das Glück ist doch keine Dauerwurst, von der man sich täglich seine Scheibe herunterschneiden kann!“
„Stimmt“, meinte ich, „das Glück hat ganz und gar nichts haltbar Geräuchertes an sich. Obwohl ...“ … „Obwohl!?“, fragte der alte Mann. ... „Obwohl Sie aussehen, als hinge bei Ihnen zu Hause die Dauerwurst des Glücks im Rauchfang" sagte ich. 
„Ich bin eine Ausnahme“, sagte er, trank einen Schluck aus seinem Glas und fuhr fort:
„Ich bin die Ausnahme. Ich bin nämlich der Mann, der einen Wunsch frei hat.“
Der alte Mann blickte mir prüfend ins Gesicht, und dann erzählte er seine Geschichte:
„Das ist lange her“, begann er und stützte den Kopf in beide Hände, „Sehr lange. Vierzig Jahre. Ich war noch jung und litt am Leben wie an einer geschwollenen Backe. Da setzte sich, als ich eines Mittags verbittert auf einer grünen Parkbank hockte, ein alter Mann neben mich und sagte beiläufig: „Also gut. Wir haben es uns überlegt. Du hast drei Wünsche frei.“
Ich starrte in meine Zeitung und tat, als hätte ich nichts gehört. „Wünsch dir, was du willst“, fuhr der alte Mann fort, „die schönste und liebste Frau oder das meiste Geld oder den größten Schnurrbart, das ist deine Sache. Aber werde endlich glücklich! Deine Unzufriedenheit geht uns auf die Nerven.“
Der alte Mann sah aus wie der Weihnachtsmann in Zivil: weißer Vollbart, rote Apfelbäckchen, Augenbrauen wie aus Christbaumwatte. Gar nichts Verrücktes. Vielleicht ein bisschen zu gutmütig.
Nachdem ich ihn eingehend betrachtet hatte, starrte ich wieder in meine Zeitung.
Dann sagte er: “Obwohl es uns nichts angeht, was du mit den drei Wünschen, die wir dir gerade geschenkt haben, machst‚ wäre es natürlich kein Fehler, wenn du dir die Angelegenheit vorher genau überlegen würdest. Denn drei Wünsche sind nicht vier Wünsche oder fünf, sondern tatsächlich nur drei. Und wenn du hinterher noch immer neidisch und unglücklich wärst, könnten wir dir und uns nicht mehr helfen.“
Ich weiß nicht, ob Sie sich in meine Lage versetzen können. Ich saß auf einer Bank und haderte mit Gott und der Welt. In der Ferne klingelten die Straßenbahnen. Die Wachparade zog irgendwo mit Pauken und Trompeten zum Berliner Schloss. Und neben mir saß nun dieser alte Quatschkopf! Ich wurde wütend. Mir war zumute wie einem Kessel kurz vorm Zerplatzen. Und als der alte Mann sein weiß wattiertes Großvatermündchen von neuem aufmachen wollte, stieß ich zornig hervor: „Damit Sie alter Mann nicht länger "du" zu mir sagen, nehme ich mir die Freiheit, meinen ersten und innigsten Wunsch auszusprechen: "Scheren Sie sich zum Teufel!“
Das war nicht fein und auch nicht höflich, aber ich konnte einfach nicht anders. Es hätte mich sonst zerrissen.“
„Und?“, fragte ich. … „Was, und?“, fragte er. … „War er dann weg?“, fragte ich.
„Ach so! Ja, natürlich war er weg! Wie fortgeweht. In der gleichen Sekunde. In Nichts aufgelöst. Ich guckte sogar unter die Bank. Aber dort war er auch nicht. Mir wurde ganz übel vor lauter Schreck. Die Sache mit den Wünschen schien zu stimmen! Und der erste Wunsch hatte sich bereits erfüllt! Du meine Güte! Und wenn sich der Wunsch erfüllt hatte, dann war der gute, liebe, brave Großpapa, wer auch immer er sein mochte, nicht nur weg, nicht nur von meiner Bank verschwunden, nein, dann war er, meinem Wunsch entsprechend, beim Teufel. Dann war er in der Hölle.
„Sei nicht albern“, sagte ich zu mir selber. „Die Hölle gibt es doch gar nicht, und den Teufel auch nicht. Aber die drei Wünsche, gab's denn die?“
Und trotz meiner Zweifel war der alte Mann, kaum hatte ich's gewünscht, tatsächlich verschwunden. ... Mir wurde heiß und kalt. Mir schlotterten die Knie. Was sollte ich jetzt machen? Der alte Mann musste wieder her, ob's nun eine Hölle gab oder nicht. Das war ich ihm schuldig. Ich musste meinen zweiten Wunsch dransetzen, den zweiten von dreien, oh, ich Hornochse! Oder sollte ich den alten Mann dort lassen, wo er war? Mit seinen hübschen, roten Apfelbäckchen? Bratapfelbäckchen, dachte ich schaudernd.
Mir blieb keine Wahl. Ich schloss die Augen und flüsterte ängstlich: „Ich wünsche mir, dass der alte Mann wieder neben mir sitzt!" ...
„Wissen Sie", fuhr der alte Mann neben mir dann fort, „ich habe mir jahrelang, bis in den Traum hinein, die bittersten Vorwürfe gemacht, dass ich den zweiten Wunsch auf diese Weise verschleudert habe, doch ich sah damals keinen Ausweg. Es gab ja keinen.“
„Und?“, fragte ich. … „Was‚ und?“, fragte er. … „War er dann wieder da, der alte Mann mit dem weißen Vollbart, den buschigen weißen Augenbrauen und den roten Apfelbäckchen?“, fragte ich.
„Ach so! Ja, er war tatsächlich wieder da! In der nächsten Sekunde. Er saß wieder neben mir, als wäre er nie fortgewünscht gewesen. Das heißt …, man sah's ihm schon an, dass er ... dass er irgendwo gewesen war, wo es verteufelt, ich meine, wo es sehr heiß gewesen sein musste. Oh ja: Die buschigen weißen Augenbrauen waren ein bisschen verbrannt. Und der schöne weiße Vollbart hatte auch etwas gelitten. Besonders an den Rändern. Außerdem roch es wie nach versengten Gänsefedern. Vorwurfsvoll blickte mich der alte Mann an. Dann zog er ein Bartbürstchen aus der Brusttasche, putzte sich Bart und Brauen und sagte gekränkt: „Hören Sie, junger Mann, fein war das aber nicht von Ihnen!“ 
Ich stotterte eine Entschuldigung und sagte, wie leid es mir täte. Ich hätte doch nicht an die drei Wünsche geglaubt. Und außerdem hätte ich immerhin versucht, den Schaden wieder gutzumachen. „Das ist richtig“, meinte er. „Es wurde aber auch höchste Zeit.“
Dann lächelte er und er lächelte so freundlich, dass mir fast die Tränen kamen. „Aber nun haben Sie nur noch einen Wunsch frei“, sagte er. „Den letzten, den dritten. Mit ihm gehen Sie hoffentlich ein bisschen vorsichtiger um. Versprechen Sie mir das?“.
Ich nickte und schluckte. „Ja“, antwortete ich dann, „aber nur, wenn Sie wieder „du“ zu mir sagen.“ Da musste der alte Mann mit dem weißen Bart lachen. „Gut, mein Junge“, sagte er und gab mir die Hand. „Leb wohl. Sei nicht allzu unglücklich. Und gib auf deinen dritten, den letzten Wunsch acht.“
„Ich verspreche es Ihnen“ erwiderte ich feierlich. „Doch da war er schon weg. Wie fortgeblasen.“
„Und?“, fragte ich. … „Was‚ und?“, fragte er.  … „Sind Sie seitdem glücklich?“, fragte ich.
Der alte Mann neben mir auf der Bank antwortete und fragte: „Ach so …, ... was genau ist glücklich?“ ...
Dann stand mein Nachbar, der alte Mann in der Kneipe, auf, nahm Hut und Mantel vom Garderobenhaken, sah mich mit seinen blitzblanken Augen an und sagte: „Den dritten, meinen letzten Wunsch habe ich seit vierzig Jahren nicht angerührt. Manchmal war ich nahe dran. Aber nein, ich bewahre ihn auf. Wünsche sind nur gut, solange man sie noch vor sich hat. Leben Sie wohl!“
Ich sah vom Fenster aus, wie der alte Mann aus der Kneipe raustrat und über die Straße ging. Die Schneeflocken umtanzten ihn. Und er hatte ganz vergessen, mir zu sagen, ob er glücklich geworden ist. ... Oder hatte er mir absichtlich nicht geantwortet? … Das ist natürlich auch möglich. ...

Mit diesem Märchen vom Glück, das aufzeigt, dass wir die Zuversicht und die Hoffnung haben können, dass ein aufgehobener, letzter Wunsch in Erfüllung gehen und uns in eine glückliche Zeit führen kann, wünsche ich uns Allen weiterhin viel Kraft, Durchhaltevermögen und Liebe, genug für uns selbst und auch zum Verschenken. Besonders auch in der jetzigen Zeit der Corona-Krise, in der wir uns seit Mitte März befinden. Wir können die Zeit nutzen, uns an das Schöne in unserem Leben zu erinnern, an die Liebe und an die guten, zwischenmenschlichen Begegnungen, an gemeinsames Lachen, Gespräche  und an gemeinsames Glücklichsein, an Erlebnisse in und mit in der Natur und mit Tieren, an die guten Gefühle, die uns die Musik und das Lesen und Anschauen von Büchern vermitteln und an vieles andere mehr!

Abschließend möchte ich anregen zum Singen, Summen oder auch Sprechen des 1785 von Friedrich Schiller geschriebenen berühmten Gedichts „An die Freude“, das u.a. von Ludwig van Beethoven 1824 in seiner 9. Symphonie vertont wurde. Auch in der gegenwärtigen Corona-Krisenzeit wird es als Zeichen der freundschaftlichen Verbundenheit von gleichberechtigten Menschen angesehen, dieses besondere Lied sonntags gegen Abend in der Öffentlichkeit mit der gebotenen Distanz auf Balkonen oder an geöffneten Fenstern zu singen und auf diversen Musikinstrumenten zu spielen:
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

1985 wurde die von Herbert von Karajan eingespielte Instrumentalversion zur „Ode an die Freude“ aus Beethovens Neunter Symphonie vom Europarat zur offiziellen Hymne der Europäischen Union erklärt.
In Nürnberg fand 2014 vor der Lorenzkirche mit der „Ode an die Freude“ ein sehens- und hörenswerter Flashmob (= vereinbarte Aktion auf einem öffentlichen Platz) mit den Nürnberger Philharmonikern und dem Hans-Sachs-Chor Nürnberg und vielen begeisterten Passanten statt: siehe und höre das youtube-Video mit seither rd. 26 Millionen Aufrufen:
Bitte klicken Sie hier.

Und nun, weil mich schon so mancher gefragt hat, wie ich selber denn mit der derzeitigen Situation und ihren Einschränkungen klarkomme, noch etwas Persönliches: Mein Mann und ich haben vermehrt Wanderausflüge in die nähere Umgebung unternommen und nach der Öffnung der Museen in Bayern Mitte Mai, die seither besondere Hygiene- und Abstandsregeln eingeführt haben, einige Ausstellungen besucht. Gestern waren wir nach längerer Zeit mal wieder in Bamberg und haben die Altstadt, den Dom und das angeschlossene Diözesanmuseum sowie den schönen Rosengarten besucht und dort von der Terrasse aus den Blick über die Altstadt genossen. Allerdings war Vieles anders als sonst: Jeder achtete auf den Mindestabstand von 1,5 Metern und trug einen Mund- und Nasenschutz und es waren viel weniger Touristen unterwegs als sonst in normalen Zeiten. Als ich im Bamberger Dom zum Andenken an liebe Menschen eine Kerze angezündet habe, lag dort ein Zettel mit Gedanken zum Mitnehmen, die so mancher von den Lesern, Vorlesern oder Zuhörern so oder so ähnlich in den letzten Wochen wahrscheinlich auch schon mal gedacht hat:
Mein Gott, in diesen Wochen fällt mir Vieles schwer:
Das Dasein aus-halten + die Angst aus-halten + die Einsamkeit aus-halten
das Miteinander aus-halten + die Langeweile aus-halten
die Sorge aus-halten + den Unfrieden aus-halten
Sei DU bei mir, damit ich leben kann:
Die Freude er-halten + den Frieden er-halten + die Freiheit er-halten
die Gemeinschaft er-halten + den Glauben er-halten
die Hoffnung er-halten + die Liebe er-halten
Das Dasein leben und lieben.
(Text: Leitung Besucherpastoral Dom)

Liebe Leser, Vorleser und Zuhörer, ich wünsche uns Allen weiterhin viel Kraft, psychische und körperliche, um durch die Corona-Krise, die nun schon etwa neun Wochen andauert, gut durchzukommen. … Und vielleicht denken Sie auch manchmal an das Märchen vom Glück, und auch an den einen Wunsch, den wir uns möglichst lange für eine besondere Gelegenheit aufheben sollten … ?
Uns allen wünsche ich, dass wir gesund bleiben und behütet!
Verabschieden möchte ich mich mit einem kurzen Gedicht von Mascha Kaléko (*1907;+1975):
„Man braucht nur eine Insel, allein im weiten Meer.
Man braucht nur einen Menschen, den aber braucht man sehr!“ .

Mit herzlichen Grüßen und Wünschen für das bevorstehende Pfingstfest
Ihre/Eure Annegret Schildknecht, u.a. ehrenamtliche Mitarbeiterin Sozialbetreuung im Seniorenzentrum Martha-Maria in Eckental-Forth

P.S. Falls Sie Gesprächsbedarf haben und in dieser Corona-Krisenzeit telefonisch Kontakt mit mir aufnehmen möchten, so ist das möglich über die zu diesem Zweck eingerichtete Handynummer 0157-33 73 67 54. Diese zentrale Telefonnummer wurde für das vom Markt Eckental und vom wochenblatt unterstützte Projekt „Helfende Hand“ und auch für das von mir betreute Projekt „Helfendes Ohr mit Herz & Verstand“ zur Verfügung gestellt. Wenn Sie möchten, dürfen Sie mich aber gerne auch privat anrufen.
Eine vertrauliche Kontaktaufnahme ist auch über die folgende E-Mail-Adresse möglich: helfende-hand@wochenblatt-land.de.
Gern stehe ich, als ausgebildete ehrenamtliche Klinikseelsorgerin sowie als Hospizbegleiterin,   für mein Gesprächsangebot unter dem Motto „Zuhören mit Empathie als Hilfe zur Selbsthilfe“ zur Verfügung.

Hinweis: Dieser Beitrag wird im Seniorenzentrum Martha-Maria Eckental-Forth zum Lesen, Vorlesen und Zuhören verteilt.

Alle Beiträge zu meinen digitalen Vorlesestunden finden Sie hier.

Autor:

Annegret Schildknecht aus Eckental

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