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ERINNERUNGSKULTUR: Hiroshima, 6. August 1945 – Ein Tag im Leben des Mädchens Sadako

Japan Oktober/November 2017: Mädchen im Kimono, Kunstkarte vom Basar einer christlichen Kirchengemeinde in Japan
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  • Japan Oktober/November 2017: Mädchen im Kimono, Kunstkarte vom Basar einer christlichen Kirchengemeinde in Japan
  • Foto: M.Schi.
  • hochgeladen von Annegret Schildknecht

Liebe Leser, Vorleser und Zuhörer, Jung und Alt!
Heute vor 75 Jahren, am 6. August 1945, dem tragischen Tag des Abwurfs der Atombombe über Hiroshima, blieben morgens um 8:15 Uhr die Uhren in Hiroshima stehen. 80% der Stadt waren total zerstört. Viele tausende Menschen waren sofort tot und viele Überlebende erkrankten auch noch nach Jahren und starben an den Spätfolgen der radioaktiven Strahlung. 
Drei Tage später, am 9. August, wurde über der Stadt Nagasaki eine weitere Atombombe gezündet. Danach war der Zweite Weltkrieg endlich und endgültig beendet.
Diese schrecklichen Ereignisse werden als Einschnitt in der Menschheitsgeschichte bezeichnet. Da hat sich die Welt verändert und danach war nichts mehr wie es mal war. 

Ich erzähle hier, auf der Grundlage und mit Textauszügen aus dem Buch "Sadako", die wahre Geschichte des Mädchens Sadako aus Hiroshima, die heute vor 75 Jahren zwei Jahre alt war.
Jedes Jahr findet in Hiroshima zur Erinnerung an den Abwurf der Atombombe das Friedensfest statt. Es war am 6. August 1954, da war Sadako inzwischen elf Jahre alt, als sie mit ihrer Freundin zum Friedenspark ging, wo in einem großen Parkgelände ein Museum und verschiedene Gedenkstätten errichtet worden waren. In dem Museum hängen viele Bilder von den Menschen und von der Stadt vor und nach dem Abwurf der Atombombe, die Hiroshima sekundenschnell in eine schwarze Wüste verwandelt hatte. Sadako, obwohl sie damals erst zwei Jahre alt war, konnte sich später noch genau an den Blitz erinnern, einem Licht wie von tausend Sonnen, die auf die Erde herunterfielen, und die Hitze stach ihr wie Nadeln in den Augen, so sagte sie.

Bei der Gedenkfeier 1954 wurden nach der Rede des Bürgermeisters Hunderte weißer Tauben freigelassen und als die Sonne unterging erleuchtete ein farbenprächtiges Feuerwerk den Himmel. Danach trugen alle ihre Reispapierlaternen, auf denen die Namen von bisher verstorbenen Verwandten und Freunden standen, ans Ufer des Flusses Ohta. Sadako hatte auf ihre Laterne den Namen ihrer Großmutter geschrieben. Die Leute zündeten die Kerzen an, setzten die Laternen ins Wasser und sie schwammen davon wie ein riesiger Schwarm von Glühwürmchen. So ist es jedes Jahr an diesem Gedenktag in Hiroshima.

Der nächste Tag war wieder ein ganz normaler Tag für Sadako. Sie kam aus der Schule und war überglücklich, dass sie ausgewählt worden war, beim Sportfest als Läuferin beim Staffellauf mitzumachen. Endlich kam der große Tag. Die Eltern, ihre Geschwister, andere Verwandte und Freunde kamen in die Schule, um bei dem Sportereignis zuzuschauen. Beim Startsignal rannte Sadako los, so schnell sie konnte, und sie gab alles. Als der Wettlauf zu Ende war, fühlte sie ihr Herz schmerzhaft gegen ihre Rippen hämmern. Und dann wurde ihr schwindlig. Aber das Wichtigste für sie war, dass ihr Team gewonnen hatte und alle jubelten und schrien vor Freude. Das Schwindelgefühl ging vorüber, aber es kam wieder und wieder. Sadako bekam zwar etwas Angst, aber sie erzählte niemandem davon, sie dachte nur an den Staffellauf im nächsten Jahr, an dem sie wieder teilnehmen wollte. Ihre Mutter aber dachte daran, dass sie ihrer Tochter, sobald es finanziell möglich war, einen Kimono kaufen würde, denn ein Mädchen in diesem Alter sollte einen Kimono haben, das war und ist auch heute noch Tradition.

Es wurde Winter. Und dann, an einem besonders kalten Tag, passierte es: Sadako lief auf dem Schulhof herum und fiel mitten im Rennen hin, alles drehte sich. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht und ausgiebig untersucht und sie hörte das Wort „Leukämie“. Sie wusste, das war der Name für die Krankheit, die von der Atombombe verursacht wurde. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht und musste dort für weitere Untersuchungen bleiben. Sie war sehr traurig und sie weinte sehr lange.

Am nächsten Tag bekam sie im Krankenhaus Besuch von ihrer Freundin. Sie brachte ein besonderes, schön gemustertes Papier mit und zeigte Sadako, wie man durch Falten des Papiers einen schönen Kranich herstellen konnte. Und sie erzählte ihr von der japanischen Legende, nach der ein Kranich tausend Jahre alt werden kann. Und wenn ein Kranker tausend Papierkraniche faltet, wird ihm sein Wunsch erfüllt und er wird wieder gesund. Sadako hatte nun den ersten Kranich von ihrer Freundin bekommen und sie fing gleich an, weitere Kraniche nach der Origami-Technik zu falten, um dann, wenn sie Tausend fertiggestellt hätte, hoffentlich gesund wieder nach Hause gehen zu können.

Sadakos Vater hängte die fertiggestellten Kraniche alle an der Decke des Krankenzimmers auf. Das sah sehr schön aus und mit jedem Kranich verband Sadako den Wunsch „Ich wünsche mir, dass ich gesund werde und leben darf …“. Nach einigen Monaten hatte sie schon über dreihundert Kraniche gefaltet. Der Frühling kam, der Sommer kam und Sadako ging es langsam etwas besser. Sie hatte da bereits über die Hälfte der tausend Kraniche gebastelt und sie dachte, dass jetzt doch schon mal etwas Positives geschehen müsste. Und so war es auch: ihr Appetit kehrte zurück und die Schmerzen ließen deutlich nach. Zu O Bon, dem höchsten japanischen Feiertag des Jahres, durfte sie nach Hause. Nach dem festlichen Essen überreichte Sadakos Mutter ihr eine große Schachtel mit roter Schleife. Darin war ein seidener Kimono mit weissen und rosa Kirschblüten. Sadako zog ihn gleich an und ihre Mutter band die Schärpe. Alle waren sich einig, dass Sadako aussah wie eine Prinzessin, und die Familie feierte diesen Tag, der für jedes japanische Mädchen ein ganz besonderer ist.
Vielleicht wurde sie ja jetzt gesund und durfte zu Hause bleiben. Aber nach einer Woche fühlte sie sich wieder schwach und musste zurück ins Krankenhaus. Die Kinder aus ihrer Klasse schickten ihr eine Kokeshi-Puppe (das ist eine traditionelle kleine Puppe, die auch heute noch aus Holz handgearbeitet wird. Als ich in Japan war, habe ich mir auch so eine schöne Puppe gekauft). Die stand dann auf ihrem Nachttisch. Sadako wurde zunehmend müde und schlief viel, aber ihre Eltern saßen immer neben ihrem Bett. Zwischendurch stellte sie auch mal eine Frage wie „Lasst ihr am Friedenstag eine Laterne für mich auf dem Ohta schwimmen?“ Und die Eltern sagten „Werde gesund, gib jetzt nicht auf, Sadako. Du musst noch ein paar hundert Kraniche falten.“ Doch Sadako wurde immer schwächer, aber sie faltete trotzdem weiter und gab die Hoffnung nicht auf, gesund zu werden und leben zu dürfen. 
Jetzt hatte sie schon sechshundertvierundvierzig Kraniche gefaltet. Es fiel ihr sehr schwer. Dann legte ihr die Mutter die Hand auf die Stirn und nahm ihr behutsam das Papier weg. Sadako schaute noch einmal hinauf zu dem Kranichschwarm, der an der Decke hing. Als sie die Augen schloss, hörte sie ihre Mutter liebevoll flüstern: „Oh ihr himmlischen Kraniche, beschützt mein Kind und deckt es mit euren Flügeln zu.“ und der Vater hielt hre Hände und streichelte sie. Sadako starb am 25. Oktober 1955, zehn Jahre nach der Katastrophe, im Alter von zwölf Jahren, an den Spätfolgen der Strahlung.

Ihre Freunde und Mitschüler falteten gemeinsam noch 356 Papierkraniche, damit Sadako mit tausend Kranichen begraben werden konnte. Ihr Wunsch zu leben hatte sich nicht erfüllt, aber er erfüllte sich auf andere Weise, denn Sadako lebt weiter in den Herzen aller Menschen, die ihre Geschichte hören, mitfühlen und sich davon bewegen lassen.

Die Freunde von Sadako und ihre Familie träumten davon, Sadako und allen Kindern auf der Welt im Friedenspark in Hiroshima ein Denkmal zu setzen. Nach drei Jahren war es soweit. Mit der Hilfe von Unterstützern und Geldgebern wurde der Traum von einem Kinderdenkmal wahr und im Friedenspark steht seitdem eine Statue von Sadako, die in ihren erhobenen Händen einen filigranen goldenen Kranich hält, der über ihrem Kopf mit ausgebreiteten Flügeln schwebt, sie beschützend, so wie ihre Mutter es sich für ihre Tochter gewünscht hatte.

Jedes Jahr hängen Kinder am Friedenstag bunte Girlanden aus Papierkranichen unter der Statue auf. Der Wunsch der Kinder ist in den Sockel eingemeißelt und soll von allen Menschen auf der ganzen Welt gehört werden:
Unser Schrei. Unser Gebet: Friede auf Erden.

Dazu kommt mir das folgende Lied in den Sinn, das hier bei uns gerne gesungen wird: 
Da berühren sich Himmel und Erde
Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen,
und neu beginnen, ganz neu.
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken,
und neu beginnen, ganz neu.
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

Wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden,
und neu beginnen, ganz neu.
Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

(Text: Thomas Laubach, Musik: Christoph Lehmann)
Wenn Sie dieses Lied hören möchten, klicken Sie hier
oder öffnen Sie den folgenden Link:
https://youtu.be/_rQ3M-Jn_Y0

Liebe Leser, Vorleser und Zuhörer, wenn Sie, als Zeitzeuge, es möchten, dann lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf. Und wenn die jüngeren Leser es möchten, dann macht euch bitte weiter kundig über diese Zeit und ihre Ereignisse, die ihr selbst nicht miterlebt habt. Dazu gibt es Literatur für jedes Lebensalter, auch Bilderbücher für Kinder wie zum Beispiel "Sadako" von Eleanor Coerr,  Jugendbücher wie das mit vielen Auszeichnungen bedachte "Sadako will leben" von Karl Bruckner und auch ein Buch, das ich als junges Mädchen gelesen habe, "Die Blumen von Hiroshima" von Edita Morris, die dafür den Albert-Schweitzer-Preis bekommen hat. Ausserdem gibt es viele Spielfilme, wie zum Beispiel "Hiroshima mon amour" nach dem Buch von Marguerite Duras, in dem es heisst "Mir ist heiß geworden am Friedensplatz von Hiroshima. Zehntausend Grad. Ich fühlte die Temperatur des Sonnenballs auf dem Friedensplatz.", sowie Dokumentationen und vieles andere Informationsmaterial.

Bleiben Sie ALLE gesund und behütet!
Wir dürfen die Hoffnung auf Frieden nicht aufgeben! Wer aufgibt, hat schon verloren. 
Ihre Annegret Schildknecht

Hinweis: Dieser Beitrag wird im Seniorenzentrum Martha-Maria Eckental-Forth zum Lesen, Vorlesen und Zuhören verteilt.
Hinweis: Alle Beiträge zu meinen digitalen Vorlesestunden finden Sie hier
oder unter: https://www.wochenklick.de/tag/vorlesen
Hinweis:  Bei Fotos mit der Angabe " M.Schi." liegt das Copyright bei:
Dr. Manfred Schildknecht

Autor:

Annegret Schildknecht aus Eckental

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